Ein Blick in die Glaskugel – Der TK-Markt in zehn Jahren

Dr. Iris Henseler-Unger

Gastbeitrag von Dr. Iris Henseler-Unger, Direktorin und Geschäftsführerin der WIK GmbH und Geschäftsführerin der WIK-Consult GmbH

ZUR PERSON

Frau Dr. Iris Henseler-Unger ist seit November 2014 im WIK tätig. Im Januar 2015 hat sie die Geschäftsführung von WIK und WIK-Consult GmbH übernommen. Zuvor war sie von 2004 bis 2014 Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen in Bonn, dort insbesondere zuständig für die Regulierungsbereiche Telekommunikation und Eisenbahnen. Sie ist Mitglied im Forschungsausschuss des Münchener Kreises und im Wissenschaftlichen Arbeitskreis für Regulierungsfragen der Bundesnetzagentur.

FACHBEITRAG

Gleicht es nicht einem Blick in die Glaskugel, heute die Telekommunikationsbranche des Jahres 2025 beschreiben zu wollen? Was hätte man 2006 über 2016 richtig vorhergesagt? Waren nicht die letzten zehn Jahre rasant? Geschäftsmodelle sind entstanden und untergegangen, Konsolidierungen haben stattgefunden, Technologien wie VDSL Vectoring oder LTE wirbeln den Markt durcheinander, neue Player wie die Kabel-TV-Unternehmen oder gar die OTT-Anbieter werfen den Telekommunikationsunternehmen den Fehde-Handschuh hin. Kann man denn heute Trends für morgen erkennen? Ich meine: Ja.

Da ist z.B. die zukünftige Entwicklung der Bandbreitennachfrage. Interne Prognosen der Telekom zeichnen wohl ein sehr konservatives Bild der Entwicklung der Bandbreitennachfrage.¹ So soll ein besonders internetaffiner Vier-Personen-Haushalt im Jahr 2025 einen Maximalbedarf von 208 Mbit/s im Down- und von 50 Mbit/s im Upload haben. Für 95 Prozent der Geschäftskunden wird ein Bandbreitenbedarf auf Privatkundenniveau unterstellt. Damit würden aufgerüstete kupferbasierte Anschlussnetze diese Nachfrage weiterhin befriedigen können, ein Ausbau von FTTB/H Infrastrukturen wird infrage gestellt.

Dagegen steht Nielsen’s Law, wonach sich die verfügbare Bandbreite von Datenverbindungen pro Jahr um 50 Prozent erhöht. Ob sich dieses »Gesetz« tatsächlich auch in Zukunft fortsetzen wird? Für die Jahre 2013/14 lag die prognostizierte Bandbreite z.B. bei 100 Mbit/s – eine Datenrate, die aktuell zwar durchaus genutzt wird, aber nicht dem durchschnittlichen Bandbreitenbedarf entspricht. Nichtsdestotrotz steht aus unserer Sicht außer Frage, dass wir auch in den kommenden Jahren ein massives Wachstum in der Nachfrage nach Bandbreite erleben werden.
So haben wir bereits in einer Studie aus dem Jahr 2011 auf der Grundlage des WIK-Marktpotenzialmodells abgeleitet, dass der Bandbreitenbedarf im Jahr 2025 für Top-Level-Nutzer bei mindestens 350 Mbit/s im Down- und 320 Mbit/s im Upload liegen wird.²

Aktuell haben wir die Ergebnisse dieser Studie im Lichte der technologischen Entwicklungen und aktueller Prognosen aus anderen Quellen nochmals kritisch hinterfragt. Hierbei zeigt sich, dass auf Basis dieser neuen Erkenntnisse noch deutlich höhere nachgefragte Bandbreiten zu erwarten sind. Dies betrifft sowohl das Top-Level-Segment als auch User mit einem durchschnittlichen Nutzerverhalten.

Neu bewertet werden muss z.B.

  • die Nachfrage nach Ultra HD TV und 4k
  • die Nachfrage nach Bewegtbild-Content im Non-Entertainment-Bereich wie Videokonferenzen oder E-Learning, dem Internet der Dinge oder Smart Anwendungen, bei E-Health und eHome³
  • ebenso wie die zunehmende Anzahl internetfähiger Geräte (PC, Tablet, TV, Radio, Spielkonsole, etc.) je Haushalt
  • die steigende Bedeutung von Uploadgeschwindigkeiten privat (Social Media, individualisierte Cloud-Dienste) wie beruflich (Telearbeit, Nutzung von VPNs)
  • sowie die Nutzung webbasierter Anwendungen und Cloud-Angebote (insbesondere für die Datensicherung)

Im Top-Level-Segment mit einem Horizont von zehn Jahren dürften daher Nachfragewerte im Bereich von 1 Gbit/s im Down- und 600 Mbit/s im Upload zu erwarten sein. Unsere Empfehlung ist, sich an diesen Nachfragegruppen zu orientieren, die überdurchschnittliche Ansprüche an ihre Versorgung stellen und zu denen viele Unternehmen gehören. Was bedeutet die steigende Nachfrage mit allen von ihr erwünschten Qualitätsparametern wie Echtzeit, Latenz und Symmetrie für die Investition in hochleistungsfähige Breitbandnetze? Auf der Hand liegt, dass es ohne einen weiteren Ausbau von Glasfaser in der Fläche nicht gehen wird.

Aus Sicht des WIK ist Glasfaser die einzig nachhaltige Infrastruktur, auch weil sie für den Mobilfunk mit dem erwarteten 5G-Ausbau Basis sein wird. Alle anderen Maßnahmen können dagegen nur Zwischenschritte sein. Diejenigen, die jetzt in hochleistungsfähige Breitbandnetze investieren, sehen sich allerdings heute noch allzu häufig einer geringen Nachfrage gegenüber. So nutzen nur 20 Prozent der Haushalte, die mit Glasfaser FTTB/H grundsätzlich erschlossen sind, auch tatsächlich diesen Anschluss. Der Ausbau des hochleistungsfähigen Breitbands ist also kein Selbstläufer.

Tragfähige Geschäftsmodelle sind allerdings heute schon möglich, das beweist eine Reihe von erfolgreichen Projekten. Sie beweisen zudem, dass eine attraktive Vermarktung der hochleistungsfähigen Anschlüsse bei den Kunden auf Resonanz stößt. Manche Anbieter erreichen deutlich höhere Anschlussraten als es aufgrund des Bundesdurchschnitts zu erwarten wäre. Zu ihrem Erfolgskonzept gehören Kostensenkungen, wo immer möglich, z.B. durch Mitnutzung von Infrastrukturen. Die Auslastung der Netze wird durch eine hohe Quote an Vorabverträgen gewährleistet, um die Nachfrage zu sichern. Open Access oder Kooperationen, auch mit dem Mobilfunk, sind andere Wege, um die Auslastung der Netze auf der Wholesale-Ebene zu erreichen. Wer konsequent die Potenziale zur Beschränkung der Kosten und zur Entwicklung der Nachfrage nutzt, also scharf kalkuliert, hat heute schon eine Chance auf Erfolg. In 2025 eine flächendeckende Glasfaserinfrastruktur in Deutschland zu haben, ist eine ambitionierte Vision. Die Flächendeckung schrittweise aufzubauen aber eine realistische Option.

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¹ Vgl. Wirtschaftswoche (2015): Deutsche Telekom: Können wir uns die Glasfasernetze sparen? Elektronisch verfügbar unter: http://www.wiwo.de/unternehmen/it/deutsche-telekom-koennen-wir-uns-die-glasfasernetze-sparen/12330826.html.
² Vgl. Doose, A.-M.; Monti, A.; Schäfer, R. (2011): Mittelfristige Marktpotenziale im Kontext der Nachfrage nach hochbitratigen Breitbandanschlüssen in Deutschland, WIK Diskussionsbeitrag Nr. 358, Bad Honnef.
³ Vgl. Stopka, U. Pessier, R.; Flöße, S. (2013): Breitbandstudie Sachsen 2030, Zukünftige Dienste, Adaptionsprozesse und Bandbreitenbedarf, Studie im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, elektronisch verfügbar unter: www.smwa.sachsen.de/download/2013_TUD_SMWA__Breitbandstudie_Sachsen.pdf.